Lesearten im Web

10. Januar 2012 | von Marcel

Unterschiedliche Arten des Lesens und ihre Bedeutung für die Gestaltung von Websites

Im Internet ist die Hauptbeschäftigung das Lesen. Genau genommen ist es eher ein Überfliegen von Links, Hinweisen, Überschriften und Textpassagen. Bis wir einen relevanten Inhalt gefunden haben, wird eine Webseite nach bestimmten Merkmalen und Schlagworten regelrecht gescannt. Erst wenn wir einen für uns relevanten Text gefunden haben, beginnen wir mehr oder weniger intensiv zu lesen. Aber Lesen ist nicht gleich Lesen. Das Verständnis über die Art und Weise, wie wir lesen, liefert uns wertvolle Erkenntnisse für die Gestaltung und Strukturierung und letztlich auch das Schreiben von Inhalten für das Web.

Wie wir lesen

Aus der Wahrnehmungspsychologie und der Hirnforschung wissen wir: Eigentlich sind wir zum Lesen nicht geschaffen. Unser Gehirn ist dazu evolutionsbedingt äußerst ungeeignet. Deshalb müssen wir dem Gehirn das Lesen regelrecht antrainieren. Wenn wir beginnen das Lesen zu lernen, müssen wir die Buchstaben noch mühsam einzeln aneinanderreihen, um Wörter, die wir bereits aus der Sprache kennen, zu entschlüsseln. Im späteren Verlauf erkennen wir dann nach und nach ganze Worte bzw. Wortbilder. Im Grunde ist Lesen ein Erkennen oder ein Erinnern von uns bereits bekannten Wortbildern. Wir trainieren uns im Laufe der Zeit eine immer größere Zahl dieser Wortbilder an, an die wir uns beim lesen spontan erinnern. Dabei hilft uns auch die Erfahrung, dass bestimmte Wörter in bestimmten Texten eher zu erwarten sind. Deshalb sind wir auch in der Lage ein Wortbild ohne große Porbmele zu entschlüsseln, wenn außer dem ersten und letzten Bcuhsatebn des Wortes alle anderen vertauscht sind. Wie die beiden Wörter im vorherigen Satz.
 In dieser Weise springt unser Auge in Sakkaden von Fixationspunkt zu Fixationspunkt, von Wortbild zu Wortbild, oder erfasst auch gleich kleine Gruppen von Wortbildern auf einmal. Um das, was wir lesen aber auch kognitiv verarbeiten zu können und zu verstehen, erfordert es zudem eine hohe Konzentration. Ständig müssen wir den Sinngehalt des Gelesenen verarbeiten und ihn mit dem zuvor Gelesenen in Verbindung bringen. Bei Romanen gelingt uns das einfacher, da diese es uns ermöglichen eigene Bilder im Kopf zu erzeugen, an die wir uns wesentlich einfacher erinnern können. Bei abstrakten und sehr theoretischen Texten hingegen, ist eine ungleich höhere Konzentration erforderlich.

Typographie für das Lesen

Wenn wir verstehen, wie wir lesen, können wir auch begreifen, warum der Typographie eine solch wesentliche Bedeutung für die Lesefreundlichkeit zukommt. Zum Beispiel die Wahl der Schrift, der Schriftgröße, der Zeilenlänge und des Zeilenabstands – immer in Abhängigkeit vom zu erwartenden Leseabstand. Es geht darum, das Erfassen von Wortbildern und den Sprung in die nächste Zeile zu unterstützen. So sorgt z.B. der Satzspiegel für einen angemessenen Weißraum, der den Textbereich umschließt und der damit eine Ruhezone zu störenden Elementen abseits des Textes schafft.
 Unterschiedliche Inhalte und Texte führen aber auch zu unterschiedlichen Lesearten und erzeugen wiederum unterschiedliche Anforderungen an die Typographie. Eine Zeitung, bei der wir einzelne Überschriften, Zwischenüberschriften, »Anleser«, Bildunterschriften etc. überfliegen, bevor wir mit dem Lesen eines interessanten Artikels beginnen, erfordert verständlicherweise andere typografische Lösungen, als ein Nachschlagewerk zum schnellen Auffinden einer konkreten Information.

Unterschiedliche Lesearten

Je nachdem, was wir lesen und zu welchem Zweck, können wir somit unterschiedliche Arten des Lesens unterscheiden [*].

  • Lineares Lesen

    Bei der klassischen Form des linearen Lesens werden Texte durchgehend in linearer Reihenfolge »Eins-nach-dem-Anderen« gelesen. Nur so können wir uns auf die Dramaturgie und die Sprache des Textes einlassen. Die typische Textform für lineares Lesen ist der Roman. Es gilt einen ungestörten, ruhigen Lesekomfort zu ermöglichen.
  • Informierendes Lesen

    Wenn wir eine Zeitung oder ein Magazin durchblättern, werden die Seiten zunächst schnell überflogen. Bei einem diagonalen Blick über die Seite erfassen wir Überschriften und andere markante Textstellen. Auch Sachbücher werden in der Regel diagonal gelesen. Interessante Stellen oder Artikel werden dann bei Interesse ggf. linear gelesen. So können wir die für uns wichtigen oder interessanten Informationen schneller finden. Texte müssen entsprechend sinnvoll gegliedert werden und erfordern selbsterklärende Überschriften.
  • Differenzierendes Lesen

    Bei wissenschaftlicher Literatur kommt es auf eine möglichst schnelle Aufnahme der dargelegten Sachverhalte an. Oft müssen unterschiedliche Begriffe oder Termini deutlich voneinander abgegrenzt werden, damit sie als solche schneller unterscheidbar sind. Zum Beispiel der Titel eines Werkes oder dessen Verfasser. Auch vergleichende oder weiterführende Hinweise können vom eigentlichen Haupttext unterscheidbar ausgezeichnet werden. Es sind eher Berufsleser, die mit dem Text arbeiten müssen.
  • Konsultierendes Lesen

    Konsultierend lesen wir im Alltag fortwährend wenn wir Fahrpläne, Veranstaltungsprogramme, Nachschlagewerke und Tabellen jeglicher Art vor Augen führen. Wir suchen nach konkreten Stichpunkten oder Passagen, die unserem konkreten Bedürfnis entsprechen. Der Großteil unserer Zeit, die wir im Internet sind, verbringen wir mit konsultierendem Lesen. Wir prüfen Begriffe der Navigation oder suchen nach relevanten Stichworten und Links, die uns zu den gesuchten Informationen führen. Es geht um eine größtmögliche Übersicht für eine schnelle Orientierung.
  • Selektierendes Lesen

    Existieren mehrere textliche Ebenen zum gleichen Thema, wie es bei heutigen Lernbüchern sehr verbreitet ist, müssen wir nicht zwangsläufig alle Textebenen durcharbeiten. Wir können die einzelnen Texte miteinander oder unabhängig voneinander lesen, je nach Kenntnisstand und Interesse. Für die Darstellung bedeutet dies, das sich die unterschiedlichen Ebenen klar voneinander trennen und unterscheiden lassen (z.B. Fragestellungen, erklärende Texte, Übungsaufgaben, Lösungen). So können wir immer die für uns gerade wichtigen Informationen wählen, ohne die übrigen Texte beachten oder lesen zu müssen.

Abweichende  Unterscheidungen finden sich beispielsweise bei Wolf: interpretierendes, analytisches und informationserfassendes Lesen [*], sowie bei Wagner und Pelster: informatorisches, evasorisches, kognitives und literarisches Lesen [*]. 
Wichtig an dieser Stelle ist aber die Erkenntnis und das Bewusstsein, dass es unterschiedliche Lesearten gibt, die jeweils andere Anforderungen an die Ausgestaltung des Textes stellen, bzw. die uns helfen können, beim Schreiben auf Strukturen und Gliederungen zu achten, die beim lesen des Textes hilfreich sind.

Rückschlüsse für das Internet

Welche Erkenntnisse lassen sich davon für das Web oder andere digitale Medien ableiten? Ist es überhaupt sinnvoll sich einseitig auf die textliche Ebene zu konzentrieren, wo doch Websites heutzutage mehr denn je durch Bilder und grafische Elemente geprägt sind?

Wie bereits gesagt wurde, lesen wir im Web in erster Linie konsultierend. Aber selbstverständlich kommen je nach Inhalt und Interesse des Benutzers alle Arten des Lesens zum Tragen. Bevor wir aber im Web die relevanten Inhalte finden, müssen wir uns auf jeder Seite orientieren. Wir suchen nach vielversprechenden Anhaltspunkten, die uns aufgrund unserer Erfahrung zum Ziel führen. Das kann ein Suchfeld sein oder die Navigation, eine Überschrift oder ein spezielles Schlüsselwort. Dabei blenden wir alles aus, was uns unwichtig erscheint. Selbstverständlich lassen wir uns auch durch Bilder und Zeichen ansprechen. Bilder können wir einfacher und schneller erfassen und verarbeiten. Aber Texte geben uns eine eindeutigere Entscheidungsgrundlage. Und beim Surfen im Web müssen wir uns ständig entscheiden, welcher Link, welcher Weg uns womöglich an das gesuchte Ziel bringt. Ohne das geschriebene Wort wären wir aufgeschmissen. Nicht von ungefähr ist Typographie das bestimmende Element im Webdesign.

A great designer knows how to work with text not just as content, he treats text as a user interface. [*]

Wir haben im Web meist nur wenig Zeit. Wir wollen uns beim Surfen ungern aufhalten oder bevormunden lassen. Wir wollen keinen ausschmückenden Begrüßungstext (Happy Talk) lesen, der uns auf der Website willkommen heißt. Solch  überflüssiger Ballast auf der Seite, behindert uns bei der Orientierung. Und hier liegt vermutlich das größte Potenzial vieler Websites brach. Das Reduzieren der Textmenge durch Weglassen von ausschmückenden oder irrelevanten Informationen, bringt einen enormen Gewinn für die Übersicht einer Seite. Leider ist es nicht gerade einfacher kurze Texte zu schreiben – im Gegenteil.
Für das Internet zu schreiben stellt ganz besondere Anforderungen an den Autor. Und es geht nicht nur darum möglichst eindeutig, präzise, verständlich und dabei zugleich möglichst knapp zu formulieren, es geht auch um Themen wie Suchmaschinenoptimierung. Also die Frage, welche Schlüsselbegriffe zum Beispiel für eine Headline relevant und notwendig sind, damit relevanter Inhalt einfacher gefunden wird.

Was die Gestaltung und die Erstellung von Webseiten betrifft, spielt die Strukturierung der Inhalte die entscheidende Rolle. Wie werden die Inhalte vernünftig differenziert, gruppiert, sortiert und benannt? Die Struktur einer Website ist die wesentliche Grundlage für das spätere Layout. Ohne durchdachte Struktur, kann kein noch so ausgetüfteltes Layout die Nutzerführung entscheidend verbessern. Bei der Frage, wie wir Navigationselemente ordnen und benennen, sollten wir uns immer fragen: Was hilft uns eine unzweifelhafte Auswahl zu treffen? Denn darum geht es bei der Benutzerführung: Dem Benutzer eine unzweifelhafte Entscheidung zu ermöglichen. Oder wie es  Steve Krug trefflich auf den Punkt bringt: Don’t make me think! [*]
Früher galt die goldene Regel: Kein Inhalt mehr als drei Klicks entfernt. Diese Sichtweise ist heute überholt. Sie hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass alles nur Erdenkliche auf die Startseite gepackt wurde und damit eine vernünftige Übersicht und Orientierung unmöglich gemacht wurde. Denn als Websurfer sind wir faul: Wir lesen nicht alles, was auf einer Webseite geschrieben steht, um dann eine gut überlegte Auswahl zu treffen. Wir klicken auf den erstbesten Link, von dem wir vermuten, dass er uns zum gewünschten Ziel führt. Wenn das nicht gelingt, gehen wir zurück und starten einen weiteren Versuch. Es geht also weniger um die Anzahl der Klicks, sondern vielmehr um unzweifelhafte Klicks und eine nachvollziehbare Ordnung. Eine reduzierte und aufgeräumte Struktur bietet hier eindeutige Vorteile. Und wenn wir verstehen, wie unser Gehirn liest, können wir diese Erkenntnisse für die Typographie und damit für die Gestaltung von Interfaces nutzen.

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